RP zum Jahresbericht 2010
18.03.2011 Gespeichert in:Berichte
Mehr Bedürftige: Tafel braucht Sponsoren
VON LENA STEEG -
zuletzt aktualisiert: 18.03.2011
Mönchengladbach (RP) Der Jahresbericht 2010 der Mönchengladbacher Tafel zeigt es ganz klar: Die Zahl der Einrichtungen, die auf die Belieferung angewiesen sind, ist weiter angestiegen.
Allein fünf Kindergärten, zu denen beispielsweise die Kindertagesstätte St. Paul an der Brückenstraße und der Eickener Kindergarten "Schatzinsel" gehört, werden regelmäßig mit Lebensmitteln der Gladbacher Tafel unterstützt. Drei Förderschulen für Lernbehinderte und Kranke gehören ebenso zu den Abnehmern, wie Jugendhäuser, Sozialdienste und das Tierheim Mönchengladbach.
Auch die Zahl der Selbstabholer, die sich im Ladenlokal am Fleenerweg in Lürrip mit Lebensmittel versorgten, stieg in den vergangenen Jahren immer weiter an. Der Laden war 2010 ganzjährig geöffnet, insgesamt 103 mal für die Mittwochs-Kunden und 100 mal für die Freitags-Kunden. Samstags wurden jeweils Backwaren für beide Gruppen ausgegeben.
Die Summe der Rationen, die pro Person ausgegeben wurden, stieg von Januar 2010 (Erwachsene: 3,918, Kinder: 2,005) bis Dezember 2010 (Erwachsene: 5,012, Kinder: 2,617) deutlich an. Auch im Zehnjahres-Vergleich bestätigt sich dieser Trend. Während im Jahre 2000 in Gladbach nur 1890 Rationen pro Monat ausgegeben wurden, verdoppelte sich die Zahl bis 2005 bereits auf 3651 Rationen. 2010 waren es sogar schon 6595.
Die Zahl der durch die Tafel versorgten Personen steigt also kontinuierlich. Davon bestreiten die Einzelpersonen mit rund 45 Prozent den Löwenanteil. "Häufig kommen alleinstehende Männer oder ältere Leute", sagt die Vorsitzende der Gladbacher Tafel, Monika Bartsch. 22 Prozent der Kunden sind Paare mit Kindern, 21 Prozent Paare und zwölf Prozent der Abnehmer sind Einzelpersonen mit Kindern. Gut die Hälfte der Besucher nimmt regelmäßig die Hilfe der Tafel in Anspruch. Monika Bartsch vermutet: "Mit einem Abwärtstrend ist nicht zu rechnen."
Auch deshalb wurde der Fuhrpark der Tafel im vergangenen Jahr komplett erneuert, die vier Kühlwagen legten im vergangenen Jahr beachtliche 53,440 Kilometer zurück, gut 4000 mehr als im Vorjahr. Die dadurch gestiegenen Betriebskosten konnten nur mittels Sponsoren und Spenden getragen werden, betont Monika Bartsch. Den Schwerpunkt setze die Tafel immer mehr auf Einrichtungen, die mit und für Kinder kochen.
"Im Rahmen unserer Möglichkeiten wollen wir das auch 2011 verstärken", sagt die Vorsitzende. Weil immer mehr Supermärkte knapper kalkulieren, müsse die Tafel jedoch auch nach neuen Sponsoren suchen.
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Anmerkung der Tafel: Der Fuhrpark der Tafel wurde im Laufe der letzten Jahre - nicht allein 2010 - Zug um Zug erneuert.
RP nach der Päckchenaktion 2010
Bürger spenden 2500 Pakete
VON THOMAS GRULKE -
zuletzt aktualisiert: 16.12.2010 - 20:00
Mönchengladbach (RP) Ein kleines Stoff-Schaf liegt gut eingebettet zwischen den Lebensmitteln. Und aus der zweiten Tasche lugt die Nase einer Micky-Maus-Puppe hervor. Auch Buntstifte und Kartenspiele entdeckt Helmut Herrmanns in den prall gefüllten Beuteln.
Es sind die Teile seiner Geschenkpakete, die den 50-Jährigen besonders freuen. "Wir haben ein Dach über dem Kopf und kommen mit den Lebensmitteln klar. Doch erstmals seit 20 Jahren haben wir nicht das Geld für Geschenke", sagt der siebenfache Familienvater, ehe er die ersten seiner fünf Pakete zum Auto trägt. Er passiert dabei noch hunderte Menschen, die sich auf dem Gelände der Mönchengladbacher Tafel ein Geschenk abholen.
Von der Resonanz überwältigt
Die ehrenamtliche Organisation, die Lebensmittel für Bedürftige sammelt, verteilt an diesem Tag nicht die üblichen Essenspakete. Vielmehr sieht die Halle am Fleener Weg wie das Lager des Weihnachtsmannes aus. Bei der Paketaktion hat die Tafel zu zusätzlichen Spenden für bedürftige Familien aufgerufen – und wurde von der Resonanz überwältigt. Über 2500 Pakete stapeln sich bis zur Hallendecke.
"Es ist bewegend, wie solidarisch sich die Mönchengladbacher Bürger gezeigt haben", sagt Monika Bartsch. Eine Stunde zuvor beruhigt die Tafel-Vorsitzende die wartende Menge: "Bitte nicht drängeln, jeder bekommt ein Paket." Doch auch die Masse an Bedürftigen, die sich ein Geschenk abholen, ist überwältigend. Der Fleener Weg ist zum Start der Aktion um 10 Uhr zu kurz, um alle Wartenden aufzunehmen. Die ersten haben sich bereits mitten in der Nacht angestellt. Thomas Dietz steht seit 8.30 Uhr an.
Der 40-Jährige hat aus gesundheitlichen Gründen seine Arbeit im Garten- und Landschaftsbau verloren. "Ich bin leider auf die Lebensmittel angewiesen. Wenn ich das Geld hätte, würde ich auch für die Aktion spenden", sagt Dietz. Während er sein Paket einfach schultert, packen einige ihr Geschenk direkt vor Ort aus, um die haltbaren Lebensmittel in ihren Einkaufswagen zu verstauen. Eine Frau balanciert das Paket auf dem Kopf, während sie ihr Kleinkind auf dem Arm trägt. Und eine ältere Dame benutzt ihre Gehhilfe als zusätzliches Transportmittel. Auf der anderen Seite der Ausgabetische geht es aber nicht weniger betriebsam zu.
"Die Logistik ist sehr wichtig", sagt Diane Holzapfel. Die gebürtige Engländerin engagiert sich seit elf Jahren bei der Tafel und hat Erfahrung mit Großkampftagen. Schließlich müssen bei jedem Bedürftigen der Eignungsschein sowie der Personalausweis kontrolliert werden. Anhand der Papiere erkennen die 15 Helfer, wer wie viele Pakete erhält. "Heute kommen auch viele, die nicht Stammkunden sind", sagt Diane Holzapfel.
So ist ab und an auch rigoroses Durchgreifen vonnöten. Als eine Frau mit ihrem Schein ein zweites Paket zu ergattern versucht, verweist sie Monika Bartsch vom Gelände. Ansonsten verläuft die Paketaktion friedlich. "Bei den vielen zufriedenen Gesichtern weiß ich, warum ich das mache", sagt Diane Holzapfel, die sich extra zwei Tage frei genommen hat. Schon am Annahmetag erfreuten sie Kinder, die selbst gemalte Bilder brachten oder Spender, denen es offensichtlich selbst nicht besonders gut geht.
Diese Herzlichkeit spüren auch die Bedürftigen. "Es gibt hoffentlich im nächsten Jahr die Chance für eine Revanche", sagt Herrmanns, der nach mehreren Bandscheibenvorfällen 2011 wieder Arbeit finden möchte. "Frohes Fest", wünscht er allen, dann geht er ein letztes Mal an der Menschenschlange vorbei, die immer noch bis auf den Fleener Weg reicht. Doch das Gute ist: Das Paketlager der Gladbacher Tafel ist auch längst noch nicht leer gefegt.
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RP - Päckchenaktion 2010
erstellt am: 04.12.2010
URL: www.rp-online.de/niederrheinsued/moenchengladbach/nachrichten/Tafel-Chefin-Helft-Kindern_aid_938250.html
Mönchengladbach
Tafel-Chefin: "Helft Kindern!"
VON DIETER WEBER -
zuletzt aktualisiert: 04.12.2010
Mönchengladbach (RP) Wer macht notleidenden Familien ein kleines Weihnachtsgeschenk? Tafel-Vorsitzende Monika Bartsch ruft die Mönchengladbacher auf, Päckchen mit Lebensmitteln zu schnüren. Sie hofft auf 1000 Präsente.
Auf diesen Termin warten viele notleidende Familien in der Stadt: Sie freuen sich auf ein Päckchen, das sie kurz vor Weihnachten von der Mönchengladbacher Tafel bekommen sollen. Weil aber der Initiator der Aktion diese absagte, sah es lange Zeit schlecht für das Päckchen-Geschenk aus. Bis Tafel-Vorsitzende Monika Bartsch kurzentschlossen entschied: "Wir nehmen die Sache selbst in die Hand und machen unsere eigene Aktion. Ich bin sicher, dass die Mönchengladbacher uns dabei unterstützen werden." Sie ruft die Bürger der Stadt auf: "Helft den Familien mit einem kleinen Weihnachtsgeschenk!"
An Solidarität appelliert
Und das soll so aussehen: Die Tafel wünscht sich für Notleidende ein Päckchen mit haltbaren Lebensmitteln – Nudeln, Reis, Konserven aller Art, vielleicht ein Pfund Kaffee und etwas Aufschnitt, wenn dieser länger haltbar ist. Auf keinen Fall aber Lebensmittel, die schnell verderben können wie Fisch oder Mayonnaise. Am Mittwoch, 15. Dezember, sollen diese Päckchen bei der Mönchengladbacher Tafel am Fleenerweg 48 in der Zeit von 9 bis 16 Uhr abgegeben werden. Wenige Stunden später am 16. Dezember sollen sich die Bedürftigen dieses besondere Geschenk abholen. Bartsch ist sicher, dass die Bürger initiativ werden: "Mönchengladbach war nie eine besonders reiche Stadt. Aber die Menschen hier haben immer Solidarität gezeigt und anderen geholfen. Ich hoffe, dass dies auch dieses Mal so ist."
Die Messlatte hängt hoch: 1000 Päckchen kamen im Vorjahr zusammen und fanden reißenden Absatz. Unterstützer aus den vergangenen Jahren sind dieses Mal wieder dabei: So appelliert beispielsweise ein hiesiger Zahnarzt an seine Patienten, diese Aktion wohlwollend zu begleiten. Schulen haben Hilfe zugesagt, sammeln derzeit Lebensmittel und wollen bis zum 15. Dezember viele Päckchen packen. Auch andere Organisationen boten sich an. "Trotzdem fehlt viel, wollen wir das Vorjahresergebnis erreichen", sagt die Tafel-Chefin.
Dass die Nachfrage nach den Päckchen groß sein wird, steht außer Frage. 650 Familien werden jede Woche von der Mönchengladbacher Tafel mit Lebensmitteln versorgt, die rund 100 ehrenamtlich tätige Mitarbeiter jeden Tag bei Supermärkten, Bäckereien und Metzgereien einsammeln, anschließend sortieren und ausgeben. Für 1600 notleidende Bürger ist diese Hilfe unverzichtbar – darunter sind mehr als 500 Kinder. Auch mehrere karitative Einrichtungen und Schulen werden von der Tafel versorgt.
Monika Bartsch sichert im Übrigen zu, dass wirklich nur Hilfebedürftige die Päckchen erhalten: "Jeder, der zu uns kommt, muss uns die Leistungsbescheinigung der Arge oder die Rentenbescheinigung vorlegen und sich zudem ausweisen. Und wir registrieren auch die Abgabe der Päckchen, so dass sich niemand mehrere abholen kann."
Päckchen für die Tafel-Kunden am Mittwoch, 15. Dezember, 9 bis 16 Uhr, Päckchen-Empfang: Tafel-Räume am Fleenerweg 48.
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Ein Garten für die Tafel
29.06.2010 Gespeichert in:Berichte
Ein Garten für die Tafel
VON INGE SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 29.06.2010
Mönchengladbach (RP) Kohlrabi, Salat, Erdbeeren: Nicht alles, was auf den Beeten der Kleingartenanlage Waldhausener Höhe wächst, wird von den Gärtnern selbst verspeist. Ein großer Teil der Ernte geht an die Gladbacher Tafel.
Das klappt ja wie am Schnürchen. Aiche, Hilal, Melina, Nils und Henrik stecken, gärtnerisch gesehen, zwar noch in den Kinderschuhen. Aber sie wissen genau, was sie tun. In Reih und Glied haben sie verschiedene Sorten Blattsalat und etliche Kohlrabi in das Hochbeet gesetzt. Das hat Bernd Wree extra angelegt. Und selbstverständlich assistiert der Vorsitzende des Kleingärtnervereins Waldhausener Höhe dem Nachwuchs. Schließlich sollen die zarten Pflänzchen wachsen und gedeihen. Nach der Ernte werden sie nicht etwa von den Kleingärtnern selbst verspeist, das Gemüse geht an die Gladbacher Tafel – als gesunde Beilage für die Menschen, die sich den Einkauf im normalen Lebensmittelmarkt nicht leisten können. "Mit den gemeinsamen Pflanz- und Ernteaktionen zeigen wir den Kindern, mit welch einfachen Mitteln Familien in Notlagen geholfen werden kann", sagt Bernd Wree.
Vor zwei Jahren wurde die Idee in der schönen Anlage an den Holter Sportstätten geboren. Eine brachliegende Parzelle wurde zum Tafel-Garten. Gehegt und gepflegt wuchsen Obst und Gemüse heran. "Wir konnten in der Erntezeit Unmengen Kartoffeln, Salate, Erdbeeren, Bohnen und Kohlrabi zur Tafel bringen", sagt der Vorsitzende. Er sieht nicht nur die gute Tat, sondern auch den Vorteil für den Verein: "Die Parzelle verwahrloste nicht, und die Qualität des Bodens wurde gefördert." Außerdem habe der üppig bepflanzte Garten sehr bald einen Interessenten angelockt. "Der Garten ist jetzt wieder verpachtet."
Qualität des Bodens gefördert
Derzeit dient das Hochbeet auf der Parzelle der Familie Wree als Tafel-Garten. "Sobald ein Garten längerfristig frei wird, werden wir die Fläche entsprechend nutzen", sagt Wree. Im Übrigen sei es aber auch so, dass die Kleingärtner des Vereins oftmals eine zu reichliche Ernte hätten. "Dann geht das, was die Familie nicht bewältigen kann, auch aus den Privatgärten an die Tafel."
Studenten der Technischen Universität Dortmund sind kürzlich in der Anlage an der Waldhausener Höhe gewesen. Sie waren auf die vorbildliche Aktion der Kleingärtner aufmerksam geworden und arbeiten an einer wissenschaftlichen Studie über die gelungene Kooperation zwischen den Menschen mit dem grünen Daumen und denen, die sich über gesundes Gemüse aus ökologischem Anbau freuen dürfen.
Die Kinder haben die Salate und Kohlrabis gut in die Erde gebracht. In den kommenden Wochen werden sie das Gemüse wachsen sehen, sie werden gießen, Unkraut jäten – und irgendwann ernten. "Wir finden es schön und wichtig, dass die Kinder so früh mit der Gartenarbeit vertraut gemacht werden", sagt Bernd Wree. "Sie sehen, wie alles wächst und gedeiht, und freuen sich und sind stolz, wenn sie schöne Erträge ernten und verschenken können."
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RP Reportage
03.04.2010 Gespeichert in:Berichte
Die Speisung der Zweitausend
VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 03.04.2010
Mönchengladbach (RP) Im Laden für Arme: Bei der Gladbacher Tafel decken sich immer mehr Menschen mit Lebensmitteln ein. So wie Sabine Wertmann*, die sonst nicht über die Runden kommen würde. Der Verein wird immer professioneller, und die Not der Menschen immer größer.
Es ist ein guter Tag, an dem Sabine Wertmann* sich aufmacht aus ihrer kleinen Wohnung, damit sie sich Ostern etwas zu Essen zubereiten kann. Drei Stunden wird sie unterwegs sein bis sie von ihrem "Einkauf" zurück ist. Also nimmt sich die 48-Jährige ein Buch mit, sie wird viel warten müssen. Ihre Lektüre sagt viel über ihre Situation aus: "Wahre Kraft kommt von innen." Sie muss stark sein. "Ich bin eine Bittstellerin", sagt die Arbeitslose mit leicht unsicherem Ton in der Stimme. Sie kommt mit ihrem Hartz-IV-Geld nur über die Runden, weil sie sich bei der Gladbacher Tafel einmal in der Woche eine Einkaufstasche voll mit frischem Gemüse, Wurst und Milch abholt. "Manchmal gibt's sogar Eier", sagt sie. Hoffentlich auch diesmal, für Ostern.
Mit etwa 100 weiteren Armen wartet sie auf dem Hof der Tafel am Fleenerweg auf ihre Ration. Die Kauffrau erzählt von unzähligen Bewerbungen, wie sie vor fünf Jahren arbeitslos geworden ist, den Ärger mit der Arge, weil die sich so viel Zeit lässt mit dem Bescheid, und was für ein Gefühl das ist, anders einzukaufen als früher. Um sie herum mischt sich ein Stimmenwirrwarr aus Russisch, Türkisch, Deutsch, Polnisch. Und mittendrin steht Sabine Wertmann mit ihrem Buch, ein bisschen einsam.
Hinter dem schweren Tor mit dem Briefkasten und den Backsteinmauern stapeln sich die Kisten mit Salaten, Obst, Möhren, Kartoffeln, Kohlrabi und vielem mehr. Die Tafel hat ordentlich etwas zusammenbekommen in dieser Woche von ihren Sponsoren. Für die Speisung der Zweitausend, die sich im Monat bei der Tafel mit Lebensmitteln eindecken. Es ist aber keine wundersame Vermehrung von Brot, Wurst, Fisch oder Fleisch. Die rund 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Tafel müssen hart dafür arbeiten, dass sie ihren Kunden reichlich Lebensmittel mit auf den Heimweg geben können. Und es ist keine biblische Geschichte, sondern die Realität. Mitten in Deutschland, im 21. Jahrhundert.
Seit fünf Jahren ist Monika Bartsch die Vorsitzende der Tafel. In dieser Zeit hat sich die Zahl der Kunden verdoppelt. Im Januar kamen rund 1700 Kunden, ungefähr die Hälfte waren Kinder. Mag sein, dass es daran liegt, dass viele Menschen ihre Scheu überwunden haben, zur Tafel zu kommen. Ganz sicher aber auch daran, dass es einfach immer mehr Menschen gibt, die darauf angewiesen sind. In kaum einer Stadt leben so viele Schuldner, leben so viele Menschen von knapp bemessener staatlicher Hilfe, ist die Arbeitslosigkeit so hoch und leben so viele Alleinerziehende wie in Mönchengladbach.
Deshalb ist die Tafel, dieser 1995 gegründete Verein, mittlerweile praktisch ein mittelständisches Unternehmen. Nur mit Ehrenamtlern statt Mitarbeitern. Er muss perfekt organisiert sein. Die Kunden schmeißen ihren Bescheid von der Arge in den Briefkasten, darauf befindet sich ein Strichcode der Tafel, und alle Dokumente werden im Computer eingelesen. Es geht schön der Reihe nach.
Um 14.02 Uhr öffnet sich an diesem Mittwoch das Tor und die rund 100 Kunden, die zwischen 14 und 15.30 Uhr an der Reihe sind, ziehen ihre Einkaufskarren in die Wartehalle. Sie setzen sich hin und warten, bis die ehrenamtlichen Helfer sie einzeln per Lautsprecherdurchsage aufrufen. Hinter der Lebensmittelausgabe schwirren fünf Ehrenamtler umher, schnappen sich die Einkaufskarren der Leute und befüllen sie. "Heute haben wir sehr viele Gurken", sagt Monika Bartsch. Gerade genug für die hunderte Kunden, die die Tafel mittwochs über den Tag verteilt in Gruppen bestellt. Anders ist der Andrang nicht mehr zu bewältigen.
Der Vorratsraum gleicht immer mehr den Supermärkten, von denen die Tafel die Lebensmittel geschenkt bekommt. Kühlwagen holen die wertvolle, aber nicht mehr zu verkaufende Ware ab. Im hinteren Bereich sind Konserven, "unsere eiserne Reserve", wie Bartsch das nennt. Sonst gibt es nur frische Ware. "Wir müssen genauso sorgsam mit den Lebensmitteln sein wie jedes andere Geschäft", sagt Bartsch. "Ich gebe hier nur heraus, was ich auch selbst essen würde." Erst in der vergangenen Woche sei das Gesundheitsamt dagewesen – und habe nichts zu beanstanden gehabt.
Derweil sitzt Sabine Wertmann noch draußen und wartet und ließt in ihrem Buch. Als sie an der Reihe ist, sagt sie den Helfern, was sie nicht so gerne hätte. Gabriele Rehhagel hält jedes einzelne Gemüse in die Luft, und Sabine Wertmann nickt oder schüttelt den Kopf. Das ist der Einkauf der Bedürftigen. Wenig später steht sie mit ihrem vollgepackten Einkaufskarren draußen in der gleißenden Nachmittagssonne. Bis nach Hause ist es eine Stunde mit Bus und Bahn. Aber es ist ein guter Tag. Sie weiß jetzt, was es an Ostern zu Essen gibt.
*Name geändert
© RP Online GmbH 1995 - 2010
VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 03.04.2010
Mönchengladbach (RP) Im Laden für Arme: Bei der Gladbacher Tafel decken sich immer mehr Menschen mit Lebensmitteln ein. So wie Sabine Wertmann*, die sonst nicht über die Runden kommen würde. Der Verein wird immer professioneller, und die Not der Menschen immer größer.
Es ist ein guter Tag, an dem Sabine Wertmann* sich aufmacht aus ihrer kleinen Wohnung, damit sie sich Ostern etwas zu Essen zubereiten kann. Drei Stunden wird sie unterwegs sein bis sie von ihrem "Einkauf" zurück ist. Also nimmt sich die 48-Jährige ein Buch mit, sie wird viel warten müssen. Ihre Lektüre sagt viel über ihre Situation aus: "Wahre Kraft kommt von innen." Sie muss stark sein. "Ich bin eine Bittstellerin", sagt die Arbeitslose mit leicht unsicherem Ton in der Stimme. Sie kommt mit ihrem Hartz-IV-Geld nur über die Runden, weil sie sich bei der Gladbacher Tafel einmal in der Woche eine Einkaufstasche voll mit frischem Gemüse, Wurst und Milch abholt. "Manchmal gibt's sogar Eier", sagt sie. Hoffentlich auch diesmal, für Ostern.
Mit etwa 100 weiteren Armen wartet sie auf dem Hof der Tafel am Fleenerweg auf ihre Ration. Die Kauffrau erzählt von unzähligen Bewerbungen, wie sie vor fünf Jahren arbeitslos geworden ist, den Ärger mit der Arge, weil die sich so viel Zeit lässt mit dem Bescheid, und was für ein Gefühl das ist, anders einzukaufen als früher. Um sie herum mischt sich ein Stimmenwirrwarr aus Russisch, Türkisch, Deutsch, Polnisch. Und mittendrin steht Sabine Wertmann mit ihrem Buch, ein bisschen einsam.
Hinter dem schweren Tor mit dem Briefkasten und den Backsteinmauern stapeln sich die Kisten mit Salaten, Obst, Möhren, Kartoffeln, Kohlrabi und vielem mehr. Die Tafel hat ordentlich etwas zusammenbekommen in dieser Woche von ihren Sponsoren. Für die Speisung der Zweitausend, die sich im Monat bei der Tafel mit Lebensmitteln eindecken. Es ist aber keine wundersame Vermehrung von Brot, Wurst, Fisch oder Fleisch. Die rund 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Tafel müssen hart dafür arbeiten, dass sie ihren Kunden reichlich Lebensmittel mit auf den Heimweg geben können. Und es ist keine biblische Geschichte, sondern die Realität. Mitten in Deutschland, im 21. Jahrhundert.
Seit fünf Jahren ist Monika Bartsch die Vorsitzende der Tafel. In dieser Zeit hat sich die Zahl der Kunden verdoppelt. Im Januar kamen rund 1700 Kunden, ungefähr die Hälfte waren Kinder. Mag sein, dass es daran liegt, dass viele Menschen ihre Scheu überwunden haben, zur Tafel zu kommen. Ganz sicher aber auch daran, dass es einfach immer mehr Menschen gibt, die darauf angewiesen sind. In kaum einer Stadt leben so viele Schuldner, leben so viele Menschen von knapp bemessener staatlicher Hilfe, ist die Arbeitslosigkeit so hoch und leben so viele Alleinerziehende wie in Mönchengladbach.
Deshalb ist die Tafel, dieser 1995 gegründete Verein, mittlerweile praktisch ein mittelständisches Unternehmen. Nur mit Ehrenamtlern statt Mitarbeitern. Er muss perfekt organisiert sein. Die Kunden schmeißen ihren Bescheid von der Arge in den Briefkasten, darauf befindet sich ein Strichcode der Tafel, und alle Dokumente werden im Computer eingelesen. Es geht schön der Reihe nach.
Um 14.02 Uhr öffnet sich an diesem Mittwoch das Tor und die rund 100 Kunden, die zwischen 14 und 15.30 Uhr an der Reihe sind, ziehen ihre Einkaufskarren in die Wartehalle. Sie setzen sich hin und warten, bis die ehrenamtlichen Helfer sie einzeln per Lautsprecherdurchsage aufrufen. Hinter der Lebensmittelausgabe schwirren fünf Ehrenamtler umher, schnappen sich die Einkaufskarren der Leute und befüllen sie. "Heute haben wir sehr viele Gurken", sagt Monika Bartsch. Gerade genug für die hunderte Kunden, die die Tafel mittwochs über den Tag verteilt in Gruppen bestellt. Anders ist der Andrang nicht mehr zu bewältigen.
Der Vorratsraum gleicht immer mehr den Supermärkten, von denen die Tafel die Lebensmittel geschenkt bekommt. Kühlwagen holen die wertvolle, aber nicht mehr zu verkaufende Ware ab. Im hinteren Bereich sind Konserven, "unsere eiserne Reserve", wie Bartsch das nennt. Sonst gibt es nur frische Ware. "Wir müssen genauso sorgsam mit den Lebensmitteln sein wie jedes andere Geschäft", sagt Bartsch. "Ich gebe hier nur heraus, was ich auch selbst essen würde." Erst in der vergangenen Woche sei das Gesundheitsamt dagewesen – und habe nichts zu beanstanden gehabt.
Derweil sitzt Sabine Wertmann noch draußen und wartet und ließt in ihrem Buch. Als sie an der Reihe ist, sagt sie den Helfern, was sie nicht so gerne hätte. Gabriele Rehhagel hält jedes einzelne Gemüse in die Luft, und Sabine Wertmann nickt oder schüttelt den Kopf. Das ist der Einkauf der Bedürftigen. Wenig später steht sie mit ihrem vollgepackten Einkaufskarren draußen in der gleißenden Nachmittagssonne. Bis nach Hause ist es eine Stunde mit Bus und Bahn. Aber es ist ein guter Tag. Sie weiß jetzt, was es an Ostern zu Essen gibt.
*Name geändert
© RP Online GmbH 1995 - 2010